fliptheflop auf ambuzzador.com

 

Seit fast vier Jahren betreute ambuzzador das hauseigene Blog fliptheflop.com auf dem sich bis heute über 1.200 Beiträge (!) zu innovativen Kampagnen und Produkten angesammelt haben. Ab sofort wird ambuzzador das Know How auf ambuzzador.com konzentrieren und die fleissigen fliptheflop Redakteure werden nun hier im Blog schreiben. Wir freuen uns auf spannende Beiträge!

Zum neuen fliptheflop Blog auf ambuzzador.com



"Das Internet ist schuld" oder: Die fatale Geschichte einer Abwärtsspirale
Geschrieben von: Rafael Buchegger   
Freitag, den 04. Dezember 2009 um 00:42 Uhr

Das Internet ist Schuld am Niedergang traditioneller Medien, heißt es immer wieder. Doch stimmt das wirklich? Nicht unbedingt. Vielmehr scheint die eigentliche Ursache struktureller Natur zu sein. Ist Qualität der einzige Ausweg?

Das Internet ist schuldDass traditionelle Medien dem Tod geweiht sein könnten, ist längst keine bloße Vermutung mehr. Mittlerweile ist es sogar eine Forderung. Es ist vor allem die Generation der Digital Natives, die so denkt. Ihr Unbehagen beruht auf der einfachen Formel „Qualtitätsjournalismus = Agenturmeldungen + Arroganz“, deren Gültigkeit durch täglich neue Fehltritte bestätigt zu werden scheint. Anders haben die heute unter 25-jährigen Qualitätsjournalismus eben nie kennengelernt als in Form von älteren gut situierten Herren, die ihnen erklären, dass sie an Logorrhoe erkrankte „Meerschweinchen“ wären, ein „pöbelnder Mob“ mit chronischer Konzentrationsschwäche. So erheiternd die Auseinandersetzung auch sein mag: An den wahren Problemen führt die Debatte vorbei.

Deutschland, entblättert„Journalismus unterliegt heute vielerorts denselben Gesetzen wie Stahl in der Autoindustrie: Er ist Material und damit ein Kostenfaktor“, schreiben die Journalisten Anita Blasberg und Götz Hamann in einer bemerkenswerten Reportage für Die Zeit. Während die Verlage früher ihren Produkten vertrauten und Durststrecken einfach aussaßen, regieren heute die Gesetze der Quartalszahlen. Die festen Stellen für Journalisten werden immer weniger, dafür können in Deutschland rund die Hälfte der „Freien“ von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Um ihr Gehalt aufzubessern wird ihnen nahegelegt, sie sollten doch auch Anzeigenkunden akquirieren. Viele Journalisten wechselten bereits die Seite – und gingen in die PR. „Zum ersten Mal“, schreiben Blasberg und Hamann unter Berufung auf den Mediendienst kress report, „gebe es in Deutschland mehr Pressesprecher als Journalisten.“

Immer weniger Journalisten stehen immer mehr Pressesprechern gegenüber – und können damit ihrer wichtigen demokratischen Kontrollaufgabe als vierte Gewalt kaum noch gerecht werden. „Wenn es nicht auffliegt, dann wird eben wirklich den Leuten was vorgegaukelt und man kriegt sozusagen eine deformierte Öffentlichkeit, wo eigentlich nicht mehr offen kritisch diskutiert wird, sondern die Leute glauben, da kommt was von einer unabhängigen Seite“, schilderte jüngst Ulrich Müller von LobbyControl „Zapp“, dem Medienmagazin des NDR, die Problematik. Die Folge: Aus der einst kritischen Öffentlichkeit könnte eine kriselnde Öffentlichkeit werden, die ihre Urteile auf Basis einer zusehends verzerrten Scheinrealität fällt.

Flat Earth NewsMehr als die Hälfte aller Artikel in den fünf prestigeträchtigsten Londoner Zeitungen tragen eindeutige Anzeichen von PR-Material, zitiert der britische Journalist Nick Davies eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung. Der Rest komme weitgehend aus Nachrichtenagenturen, bloß noch etwas mehr als zehn Prozent des Contents werde von den Redakteuren selbst recherchiert. In seinem Buch „Flat Earth News“ rechnet der Guardian-Journalist gnadenlos mit seiner Branche ab, führt vernichtende Untersuchungsergebnisse an und zählt zahlreiche Beispiele für journalistisches Versagen auf, wie etwa den Medien-Hype rund um den berühmten Y2K-Bug, der sich als pures Hirngespinst erwies. Nick Davies ist sich sicher: Es ist der kommerzielle Druck, der für das Trudeln der Qualitätsmedien verantwortlich zeichnet.

Die Verlage wollten (bei einer naturgemäß stagnierenden Anzahl an Lesern) höhere Renditen und bauten Personal ab, dadurch verloren Zeitungen Leser, was neuerlich zu Einsparungen führte – eine Abwärtsspirale. „Der Leser hat das lange ausgehalten. Heute muss er es nicht mehr“, konstatieren Anita Blasberg und Götz Hamann trocken. Gemeint ist natürlich das Internet. Allerdings: Qualität lohne sich. So habe Der Spiegel im vergangenen Jahr eine seiner erfolgreichsten Auflagen mit seiner kostspieligen Titelgeschichte „Der Bankraub“ erzielt, auch die Magazine Brand Eins und Cicero, Die Zeit, das Jugendmagazin Spiesser oder das Wall Street Journal ständen gut da.

Möglicherweise ist also das Internet gar nicht die eigentliche Ursache für die Probleme der Holzmedien. Möglicherweise kam es bloß erschwerend hinzu. Für Die Zeit hat sich der Aufwand für seine großartig recherchierte Reportage jedenfalls gelohnt: „Bin beeindruckt“, zollte ein Twitter-User, der den Artikel auf Zeit Online entdeckt hatte, den Autoren Respekt, „und kaufe ein Abo.“

Textquellen:
http://www.zeit.de
http://www.ndr.de
http://wirres.net
http://www.infolust.info
Nick Davies (2008): Flat Earth News (Vintage)
Bildquelle:
http://www.zeit.de (Screenshot)




       

Trenne mehrere Tags mit einem Komma
oder zurück


Kommentare (0)

feed RSS feed Kommentare



Kommentar schreiben


busy